5. Gibt es Hilfsmittel, die uns das Leben leichter machen?

Oh ja, die gibt es, und ich bin so froh darüber, denn vor zwanzig Jahren sah das noch ganz anders aus. Damals gab es diese berüchtigten Schnabeltassen aus beigem Plastik, die ich ganz ehrlich die „Schnabeltassen des Grauens“ nenne. Nicht nur, weil sie einem erwachsenen Menschen sofort jede Würde nehmen, sondern weil sie auch noch gefährlich sind. Wer daraus trinkt, muss den Kopf in den Nacken legen, damit der Rest rausläuft, und genau das öffnet die Atemwege sperrangelweit. Bei Schluckstörungen ist das das Letzte, was wir wollen. Wir brauchen eher den „Chin Tuck“, also Kinn Richtung Brust, um die Luftröhre zu schützen.

Vor ein paar Monaten war ich bei einer Familie, deren Mutter nach einem Schlaganfall nicht mehr trinken wollte. Die Tochter war verzweifelt und dachte, ihre Mutter habe aufgegeben. Als ich in die Küche kam, stand dort so ein Schnabelding. Ich habe der Tochter einen Becher mit Innenkonus mitgebracht, von aussen sieht der aus wie ein ganz normaler, schöner Kaffeebecher, aber innen ist er trichterförmig. Man kann ihn komplett austrinken, ohne den Kopf auch nur einen Millimeter nach hinten zu neigen. Eine Woche später rief die Tochter an und weinte vor Erleichterung. Ihre Mutter trank wieder, am Kaffeetisch, wie früher. Niemand sah ihr an, dass sie ein „Hilfsmittel“ benutzte. Genau so muss gutes Design sein, unsichtbar und unterstützend. Solche Becher gibt es mittlerweile in richtig schönen Ausführungen, etwa den Trinkbecher Vital 905 mit konischem Innenraum:
https://www.careshop.de/alltagshilfen/essen-und-trinken/geschirr-besteck/ornamin-trinkbecher-vital-905-trink-trick

Was ich auch immer wieder erlebe, ist dieser Kampf mit dem Besteck. Wenn die Hände zittern, ist ein leichter Plastiklöffel ein Albtraum. Die Suppe schwappt über, jeder Bissen wird zur Herausforderung. Das Gehirn braucht aber Rückmeldung, es muss spüren: „Aha, ich halte etwas Festes in der Hand.“ Ich habe einem Bewohner mal schweres Besteck mit einer weichen Griffverdickung gegeben, rutschfest und angenehm in der Hand. Er war so glücklich, dass er zum ersten Mal seit Monaten wieder selbst essen konnte, ohne dass die Hälfte daneben ging. Es gibt mittlerweile sogar Löffel mit flexiblen Gelenken oder welche, die Erschütterungen ausgleichen, wie eine Kamera-Stabilisierung. Das klingt nach High-Tech, ist aber am Ende einfach nur das Werkzeug, das es Ihrem Angehörigen ermöglicht, den Weg vom Teller zum Mund wieder selbst zu schaffen. Und dieser eine Moment, in dem jemand wieder selbstständig essen kann, ist unbezahlbar für das Selbstwertgefühl (Autonomie).

In meiner eigenen Küche habe ich über die Jahre gelernt, dass ein wirklich guter Mixer Gold wert ist. Wenn wir pürieren, darf da keine einzige Faser übrig bleiben, an der sich jemand verschlucken könnte. Wir wollen eine Textur wie Samt. Ich arbeite am liebsten mit dem Thermomix, der ist sein Geld wert. Und dann gibt es da noch diesen kleinen Zaubertrick aus der Sterneküche, den Sahnesiphon. Früher hat man damit Sahne auf Kuchen gesprüht, aber wir Profis nutzen die Flasche, um Schäume herzustellen. Pürierte Erbsen mit etwas Brühe und Sahne daraus sind federleicht, lösen sich fast von selbst im Mund und sehen aus wie Sterneküche.

Die Optik ist keine Spielerei, sondern Physiologie. Im Alter vergilbt die Linse im Auge, Kontraste verschwimmen. Ein weisser Teller mit hellem Püree ist für viele einfach unsichtbar. Mittlerweile gibt es wunderschönes, farbiges Geschirr oder Teller mit einem dezenten roten Rand, die genau diesen Kontrast bieten. Diese haben auch einen Schieberand, eine kleine Schräge im Boden, damit das Essen leichter auf den Löffel rutscht. Von aussen sieht das niemand, aber es senkt den Frust beim Essen massiv.

Gehen Sie am besten ins Fachgeschäft oder schauen Sie online in Ruhe, aber fragen Sie sich immer, würde ich selbst gerne davon essen? Wenn die Antwort „Ja“ ist, dann haben Sie das richtige Hilfsmittel gefunden.

Essen mit einer Schluckstörung – Fragen an den Experten

Wer nicht mehr schlucken kann, ist auf Breikost angewiesen. Aber vergeht uns da nicht der Appetit? Und was muss alles beachtet werden, um trotzalledem die Ernährung sicherzustellen? Was kann ich als Angehöriger tun?

Ronny Kunze ist Küchenchef in der Geriatrischen Klinik „Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER“ in Basel. Er hat eine ganz besondere Art, den Patienten die Freude am Essen zu bewahren und medizinische Aspekte scheinbar mühelos zu integrieren. Ich durfte ihn auf einer kulinarischen Reise unter besonderen Bedingungen begleiten. Den Reisebericht mit 13 Stationen können Sie immer dienstags lesen.

Weitere Informationen unter: https://www.linkedin.com/in/ronny-kunze/

Nach einer kleine Pause geht es am 07.04.2026 weiter.
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