6. Ist angedickte Flüssigkeit noch richtiges Trinken? Löscht das den Durst?

Das ist eine Frage, bei der ich tief durchatmen muss, denn hier klaffen medizinische Notwendigkeit und menschliches Empfinden oft weit auseinander. Angedicktes Wasser ist für viele meiner Patienten der Endgegner. Es stillt den Durst zwar physiologisch, aber psychologisch fühlt es sich an, als würde man flüssigen Klebstoff trinken. Das erfrischende Gefühl, wenn kühles Wasser die Kehle hinunterrinnt, fehlt komplett. Ich hatte mal eine Bewohnerin, die nach drei Wochen einfach verweigerte. „Das ist kein Wasser mehr“, hat sie gesagt, und ehrlich, sie hatte recht. Deshalb müssen wir hier ganz sensibel vorgehen und nach Lösungen suchen, die das Gefühl von echtem Trinken zurückbringen.

Es gibt in der Fachwelt tatsächlich einen Ansatz, der vielen Betroffenen Hoffnung gibt, das sogenannte „Free Water Protocol“. Die Idee dahinter ist faszinierend: Die Lunge kann mit kleinen Mengen klarem Wasser besser umgehen als mit nahrungshaltigen Flüssigkeiten, solange der Mundraum absolut sauber und keimfrei ist. Das klingt erst mal nach Erlösung, aber ich muss hier wirklich eine riesige Warnung aussprechen. Das Free Water Protocol ist kein Experiment für den Sonntagnachmittag. Wenn die Mundhygiene nicht perfekt stimmt, spülen wir Bakterien direkt in die Lunge, und das endet in der Lungenentzündung. Das dürfen Sie nur unter strenger logopädischer Begleitung versuchen, niemals auf eigene Faust, auch wenn der Wunsch nach echtem Wasser noch so verzweifelt gross ist.

Was ich Ihnen aber sofort mitgeben kann, ist ein technischer Hinweis, der Leben rettet. Wenn Sie Andickungspulver kaufen, achten Sie unbedingt darauf, dass „amylaseresistent“ draufsteht. Das klingt nach Chemie-Unterricht, ist aber wichtig. Unser Speichel enthält ein Enzym, die Amylase, die Stärke verdaut. Billige Pulver auf Stärkebasis dicken das Wasser im Glas an, aber im Mund verflüssigt sich das Ganze wieder rasend schnell. Im Hals kommt dann dünnes Wasser an, und der Betroffene verschluckt sich trotzdem, obwohl es auf dem Löffel noch fest aussah. Moderne Mittel auf Basis von Xanthan oder Guarkernmehl bleiben stabil bis in den Magen. Das ist nicht teurer, aber es macht den Unterschied zwischen sicher und gefährlich.

Jetzt kommt mein Lieblingstrick, und der hat schon so manchen Durchbruch gebracht. Wir verpacken die Flüssigkeit einfach in eine Form, die das Gehirn austrickst. Stellen Sie sich kleine Flüssigkeits-Pralinen vor, Water Drops nennen wir das in unserer Profi-Küche. Die kann man greifen, in den Mund nehmen wie ein Bonbon, aber im Mund schmilzt das Ding sofort wieder zu Flüssigkeit. Das gibt dem Betroffenen die Autonomie zurück, sich selbst zu bedienen, und gleichzeitig ist es pure Hydratation. Das Gehirn registriert „feste Nahrung“, was den Schluckreflex viel besser stimuliert als Flüssigkeit.

Das Prinzip ist simpel. Ich nehme am liebsten Gelatine, weil die bei Körpertemperatur schmilzt und dieses perfekte Wassergefühl im Mund erzeugt. Ein starker Hibiskustee mit Limette, ein bisschen Gelatine rein, in Silikonformen und ab in den Kühlschrank. Das Verhältnis ist etwa sechs bis acht Blatt Gelatine auf einen halben Liter Flüssigkeit, aber ehrlich gesagt probiere ich das immer aus, je nachdem wie fest es werden soll. Wenn es im Mund zu schnell zerfällt, nehme ich beim nächsten Mal einfach ein Blatt mehr.

Wer keine Gelatine mag oder aus religiösen Gründen darauf verzichtet, kann Agar-Agar nehmen, aber das ist etwas trickreicher. Agar-Agar schmilzt nicht so schön wie Gelatine, sondern zerfällt eher, das Mundgefühl ist kau-intensiver. Ausserdem muss man Agar zwingend aufkochen, sonst bindet es nicht. Etwa ein gestrichener Teelöffel auf einen halben Liter, aber schauen Sie auf die Packung, die Bindekraft schwankt. Das Wichtigste ist, zwei Minuten sprudelnd kochen lassen, sonst haben Sie nachher Wasser mit Krümeln.

Egal welche Variante Sie nehmen, diese kleinen Drops sehen aus wie Süssigkeiten, sind aber wichtige Flüssigkeit. Und wenn Ihr Angehöriger sich selbst so ein Teil nimmt, ist das ein ganz anderes Gefühl als wenn Sie ihm einen Löffel angedickte Flüssigkeit reichen. Das ist Selbstbestimmung in Bonbon-Form, und manchmal sind es genau diese kleinen Tricks, die den Unterschied machen zwischen „Ich mag nicht mehr“ und „Gib mir noch eins davon“.

Essen mit einer Schluckstörung – Fragen an den Experten

Wer nicht mehr schlucken kann, ist auf Breikost angewiesen. Aber vergeht uns da nicht der Appetit? Und was muss alles beachtet werden, um trotzalledem die Ernährung sicherzustellen? Was kann ich als Angehöriger tun?

Ronny Kunze ist Küchenchef in der Geriatrischen Klinik „Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER“ in Basel. Er hat eine ganz besondere Art, den Patienten die Freude am Essen zu bewahren und medizinische Aspekte scheinbar mühelos zu integrieren. Ich durfte ihn auf einer kulinarischen Reise unter besonderen Bedingungen begleiten. Den Reisebericht mit 13 Stationen können Sie immer dienstags lesen.

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