4. Ich habe das Gefühl, mein Partner/Eltern schämt sich beim Essen. Was kann ich tun?
Das ist eine sehr feine und wichtige Beobachtung, und ich muss Ihnen sagen, dass ihr Gefühl Sie wahrscheinlich nicht trügt. Scham ist in meiner Erfahrung oft der Hauptgrund, warum Menschen weniger essen, sich zurückziehen oder aggressiv auf Hilfsangebote reagieren. Wir müssen uns klarmachen, was da psychologisch passiert. Ein Leben lang war das Essen mit Messer und Gabel ein Symbol für Kontrolle, für Kultur, für das Erwachsensein. Wenn die Hände plötzlich zittern, die Koordination nachlässt oder man gefüttert werden muss, ist das ein massiver Bruch im Selbstbild. Man fühlt sich wieder wie ein Kleinkind, dem man ein Lätzchen umbindet, und das ist für viele unerträglich.
Was vielen sofort hilft (und das klingt jetzt banal) ist besseres Besteck. Ein normaler Löffel ist für jemanden mit Tremor oder Koordinationsstörungen ein Feind. Die Suppe schwappt herunter, bevor sie den Mund erreicht, und jeder Fleck auf der Kleidung ist eine kleine Demütigung. Es gibt heute wunderbares Spezialbesteck, das schwerer in der Hand liegt und so das Zittern ausgleicht, oder Teller mit Erhöhungen am Rand und rutschfesten Böden. Das sieht aus wie ganz feines Porzellan, nicht wie „Behindertengeschirr“, aber es gibt die physikalische Sicherheit zurück, den Löffel selbstständig und kleckerfrei zum Mund zu führen. Wenn wir die Autonomie erhalten, verschwindet die Scham.
Fingerfood hat bei uns in der Care Gastronomie einen völlig neuen Stellenwert bekommen. Damit meine ich nicht Pommes und Nuggets, sondern richtige Gerichte wie Rouladen, Fischfilet oder Gemüsecremes, die wir mit natürlichen Geliermitteln so binden, dass man sie als kleine Häppchen in die Hand nehmen kann. Die Hand ist unser verlässlichstes Werkzeug. Wenn der Weg über die Gabel zu mühsam ist, lassen Sie das Besteck einfach weg. Es ist völlig in Ordnung, mit den Händen zu essen, in vielen Kulturen ist das sogar die Norm. Wenn Sie Ihrem Vater oder Partner ein Stück „Hand-Essen“ geben, spürt er die Temperatur, die Textur, er hat buchstäblich alles im Griff. Das gibt unglaublich viel Würde zurück, weil das Füttern wegfällt.
Sollte Unterstützung unumgänglich sein, achten Sie bitte auf Ihre Position. Setzen Sie sich nicht frontal gegenüber, das wirkt wie eine Prüfungssituation, als würden Sie jeden Bissen kontrollieren. Setzen Sie sich lieber seitlich daneben, auf Augenhöhe, wie ein Begleiter. Und versuchen Sie das geführte Essen. Statt den Löffel in seinen Mund zu schieben, nehmen Sie sanft seine Hand, die den Löffel hält, und führen diese zum Mund. Das sendet dem Gehirn das Signal: „Ich esse selbst.“ Das ist ein riesiger Unterschied für das Selbstwertgefühl im Vergleich zum passiven Gefüttert werden. Und bitte, verbannen Sie das Wort „Lätzchen“ und diese Frottee-Dinger aus Ihrem Wortschatz. Nutzen Sie grosse, schöne Stoffservietten, die wie zufällig den Oberkörper schützen. Wir wollen Normalität simulieren, keine Pflegesituation am Esstisch zelebrieren.
Essen mit einer Schluckstörung – Fragen an den Experten
Wer nicht mehr schlucken kann, ist auf Breikost angewiesen. Aber vergeht uns da nicht der Appetit? Und was muss alles beachtet werden, um trotzalledem die Ernährung sicherzustellen? Was kann ich als Angehöriger tun?
Ronny Kunze ist Küchenchef in der Geriatrischen Klinik „Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER“ in Basel. Er hat eine ganz besondere Art, den Patienten die Freude am Essen zu bewahren und medizinische Aspekte scheinbar mühelos zu integrieren. Ich durfte ihn auf einer kulinarischen Reise unter besonderen Bedingungen begleiten. Den Reisebericht mit 13 Stationen können Sie immer dienstags lesen.
Weitere Informationen unter: https://www.linkedin.com/in/ronny-kunze/
Die weiteren Folgen, immer dienstags:
- Gibt es Hilfsmittel, die uns das Leben leichter machen?
- Ist angedickte Flüssigkeit noch richtiges Trinken? Löscht das den Durst?
- Was machen wir, wenn wir trotz alledem Urlaub machen möchten?
- Mein Opa ist dement und will nicht gefüttert werden. Was kann ich tun?
- Ist es eine gute Idee, die Tabletten einfach zu mörsern und unterzurühren?
- Essen trotz Trachealkanüle, wie kann das gelingen?
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- Mir selbst vergeht der Appetit. Soll ich heimlich normal essen?
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