8. Mein Opa ist dement und will nicht gefüttert werden. Was kann ich tun?

Das ist eine Situation, die für Angehörige sehr schmerzhaft ist und sich wie eine Zurückweisung anfühlt, aber ich kann Ihnen als Erstes sagen, dass die Reaktion Ihres Opas eigentlich ein gutes Zeichen ist. Es zeigt, dass sein Wille zur Selbstbestimmung noch intakt ist. Er wehrt sich nicht gegen das Essen, er wehrt sich gegen die Hilflosigkeit. Versetzen Sie sich kurz in seine Lage. Ein Leben lang hat er selbst entschieden, wann der Löffel zum Mund geht, wie voll er ist und wie heiß die Suppe sein darf. Wenn plötzlich jemand anderes diese Kontrolle übernimmt, ist das ein massiver Eingriff in die Intimsphäre. Gefüttert zu werden, wirft uns psychologisch in die früheste Kindheit zurück, und dagegen rebelliert sein erwachsener Geist, auch wenn er dement ist.

In meiner Arbeit habe ich gelernt, dass der Löffel das eigentliche Problem ist. Für Menschen mit Demenz wird Besteck oft zu einem komplizierten, feindlichen Werkzeug, das sie nicht mehr verstehen. Die Lösung ist radikal, aber wunderbar effektiv. Weg mit dem Besteck! Wir machen Fingerfood. Wir können fast alles so zubereiten, dass man es mit den Händen essen kann. Eine Frikadelle, Kartoffelspalten, gedünstete Brokkoliröschen oder sogar feste Suppen in Form von Gelee-Würfeln. Die Hand ist unser bestes Werkzeug. Auch wenn das Gehirn vergessen hat, wie eine Gabel funktioniert, der Weg von der Hand zum Mund ist tief in uns verankert und funktioniert fast immer noch. Wenn Sie Ihrem Opa erlauben, mit den Händen zu essen, geben Sie ihm die Kontrolle zurück. Er spürt die Temperatur, die Textur, er ist der Macher. Sie werden staunen, wie viel ruhiger und stolzer er plötzlich am Tisch sitzt.
Sollte es doch einmal etwas geben, das man nicht greifen kann, wie einen Joghurt oder eine Suppe, dann versuchen Sie bitte die Technik des geführten Essens. Setzen Sie sich seitlich an seine dominante Seite. Legen Sie den Löffel in seine Hand und legen Sie Ihre Hand sanft darüber, um sie zu führen. Sie sind dann nur der Hilfsmotor, aber die Bewegung macht er. Sein Gehirn bekommt durch die eigene Handbewegung die Rückmeldung: „Ich esse.“ Das ist ein himmelweiter Unterschied zum passiven Gefüttert werden. Es erhält die Würde und aktiviert nebenbei auch noch die Verdauungsreflexe viel besser, weil der Körper weiss, dass gleich etwas kommt. Probieren Sie es aus, machen Sie den Tisch zur besteckfreien Zone für ihn, damit geht der Mund sicher wieder freiwillig auf.

Essen mit einer Schluckstörung – Fragen an den Experten

Wer nicht mehr schlucken kann, ist auf Breikost angewiesen. Aber vergeht uns da nicht der Appetit? Und was muss alles beachtet werden, um trotzalledem die Ernährung sicherzustellen? Was kann ich als Angehöriger tun?

Ronny Kunze ist Küchenchef in der Geriatrischen Klinik „Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER“ in Basel. Er hat eine ganz besondere Art, den Patienten die Freude am Essen zu bewahren und medizinische Aspekte scheinbar mühelos zu integrieren. Ich durfte ihn auf einer kulinarischen Reise unter besonderen Bedingungen begleiten. Den Reisebericht mit 13 Stationen können Sie immer dienstags lesen.

Weitere Informationen unter: https://www.linkedin.com/in/ronny-kunze/