9. Ist es eine gute Idee, die Tabletten einfach zu mörsern und unterzurühren?

Das ist eine Frage, bei der bei mir sofort alle Alarmglocken schrillen, und ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, dass Sie das niemals tun sollten. Ich weiss, die Verzweiflung ist gross, wenn die Tablette immer wieder ausgespuckt wird oder im Hals stecken bleibt, und der Griff zum Mörser scheint die logische, handwerkliche Lösung zu sein. Aber aus medizinischer und pharmakologischer Sicht spielen wir hier russisches Roulette.

Lassen Sie mich das erklären, ohne zu fachchinesisch zu werden. Viele moderne Tabletten sind kleine technologische Wunderwerke. Wir nennen sie Retard-Tabletten. Die sind so gebaut, dass sie ihren Wirkstoff langsam, über 12 oder 24 Stunden, an den Körper abgeben. Wenn Sie diese Struktur im Mörser zerstören, passiert etwas, das wir „Dose Dumping“ nennen. Der gesamte Wirkstoff für den ganzen Tag flutet den Körper in einer einzigen Sekunde an. Das ist, als würden Sie eine Talsperre sprengen, statt das Wasser kontrolliert abzulassen. Das kann zu lebensgefährlichen Situationen führen, von massivem Blutdruckabfall bis zum Kreislaufkollaps. Deshalb gilt die eiserne Regel: Mörsern ist verboten, solange der Apotheker nicht ausdrücklich sein Okay gegeben hat.

Und dann gibt es da noch die chemische Falle, in die wir fast alle schon getappt sind. Der klassische Joghurt-Trick. Man denkt, man tut etwas Gutes, wenn man das bittere Pulver in einen gesunden Joghurt oder Quark rührt. Aber Milchprodukte sind voll mit Calcium. Dieses Calcium ist sehr bindungsfreudig und krallt sich an viele Medikamente, besonders an bestimmte Antibiotika. Es entsteht ein Klumpen, den der Darm nicht aufnehmen kann. Das Ergebnis ist, dass der Betroffene zwar brav seinen Löffel isst, aber das Medikament wirkt fast gar nicht. Wir therapieren also ins Leere, und die Bakterien leben fröhlich weiter.

Aber der vielleicht wichtigste Punkt ist für mich als Koch die Psychologie des Geschmacks. Medikamente sind fast immer extrem bitter, das ist ein natürlicher Warnhinweis der Natur für Gift. Wenn Sie dieses Bittere nun in den geliebten Schokoladenpudding oder das Apfelmus mischen, um es zu verstecken, begehen Sie einen Vertrauensbruch. Das Gehirn des Betroffenen erwartet „Süss und Lecker“ und bekommt „Bitter und Medizin“. Das Gehirn lernt blitzschnell: „Achtung, der Pudding ist gefährlich!“ Die Folge ist fatal. Der Betroffene verweigert bald nicht mehr nur die Tablette, sondern auch sein Lieblingsdessert, selbst wenn gar keine Medizin mehr drin ist. Ich nenne das den „generalisierten Ekel“. Sie nehmen ihm damit eine der letzten Freuden.

Mein Rat ist, sprechen Sie mit dem Arzt. Fragen Sie offensiv nach Alternativen. Für fast jedes Medikament gibt es heute Tropfen, Säfte, Schmelztabletten oder sogar Pflaster, die den Wirkstoff über die Haut abgeben. Und wenn es wirklich gemörsert werden darf (nur mit Erlaubnis!), dann nutzen Sie bitte spezielle, geschmacksneutrale Schluck-Gele aus der Apotheke. Die verändern den Geschmack nicht, reagieren nicht chemisch und lassen die Tablette sicher gleiten. Trennen Sie Genuss und Medizin strikt, das erhält das Vertrauen und den Appetit.

Essen mit einer Schluckstörung – Fragen an den Experten

Wer nicht mehr schlucken kann, ist auf Breikost angewiesen. Aber vergeht uns da nicht der Appetit? Und was muss alles beachtet werden, um trotzalledem die Ernährung sicherzustellen? Was kann ich als Angehöriger tun?

Ronny Kunze ist Küchenchef in der Geriatrischen Klinik „Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER“ in Basel. Er hat eine ganz besondere Art, den Patienten die Freude am Essen zu bewahren und medizinische Aspekte scheinbar mühelos zu integrieren. Ich durfte ihn auf einer kulinarischen Reise unter besonderen Bedingungen begleiten. Den Reisebericht mit 13 Stationen können Sie immer dienstags lesen.

Weitere Informationen unter: https://www.linkedin.com/in/ronny-kunze/