Bild: Proline suction voice
mit freundlicher Genehmigung von PRIMED Halberstadt Medizintechnik GmbH
10. Essen trotz Trachealkanüle, wie kann das gelingen?
Ein Beitrag von Ronny Kunze
Das ist ehrlich gesagt die Situation, die mir als Koch am meisten Respekt einflösst. Hier geht es nicht mehr nur ums Kochen, hier geht es um Millimeterarbeit zwischen „Das klappt“ und „Das wird gefährlich“. Ich hatte mal einen Patienten, der mich nach drei Wochen Training angeschaut hat und gesagt hat: „Wissen Sie was? Mir ist egal, ob ich jemals wieder Schnitzel essen kann. Aber einmal noch einen Schluck Kaffee, den ich schmecke, nicht durch einen Schlauch, das wär’s.“ Und genau darum geht es. Um diese kleinen Momente von Normalität, die für uns selbstverständlich sind.
Aber ich muss ehrlich sein, wir bewegen uns hier auf einem schmalen Grat zwischen Lebensqualität und medizinischem Risiko. Die meisten Menschen mit einer Trachealkanüle, etwa acht von zehn, haben auch eine Schluckstörung. Das grösste Risiko ist, dass Nahrung in die Lunge gerät und dort eine gefährliche Entzündung auslöst. Deshalb kann ich Ihnen nicht sagen „Probieren Sie es einfach mal“. Das wäre fahrlässig. Sie brauchen zwingend das Go von einer Logopädin oder einem Logopäden, idealerweise mit einer speziellen Untersuchung, bei der eine winzige Kamera durch die Nase geschoben wird. FEES nennen wir das in der Fachsprache, klingt kompliziert, ist aber der einzige Weg, um wirklich zu sehen, was beim Schlucken passiert. Das ist quasi der TÜV für den Hals.
Was viele Angehörige nicht wissen, dass diese Kanüle meist einen kleinen Ballon drin hat, den Cuff. Wenn der aufgepumpt ist, dichtet er die Luftröhre ab, das schützt zwar vor Verschlucken, aber gleichzeitig hält er den Kehlkopf fest wie ein Anker. Stellen Sie sich vor, Sie wollen schlucken, aber Ihr Hals ist gefesselt, das funktioniert nicht richtig. Ausserdem strömt bei aufgepumptem Ballon keine Luft mehr durch Nase und Mund. Das bedeutet, man riecht nichts. Und wenn man nichts riecht, schmeckt man auch kaum noch etwas. Das Essen wird zur traurigen Pflichtübung. Deshalb ist das Ziel fast immer, unter ärztlicher Kontrolle, diesen Ballon langsam zu entlasten oder sogar ein Sprechventil zu nutzen. Das bringt den Luftdruck zurück, und mit ihm die Fähigkeit zu riechen, zu schmecken und vor allem kräftig abzuhusten, falls doch mal etwas schiefgeht. Husten ist in diesem Fall Gold wert, das ist unsere eingebaute Lebensversicherung.
Wenn wir dann endlich loslegen dürfen, bin ich wieder in meinem Element, aber ich koche anders als sonst. Wir starten nicht mit einem Drei-Gänge-Menü, sondern mit winzigen Mengen von etwas extrem Sicherem. Meist eine sehr homogene, seidige Creme, vielleicht von Karotten oder Kürbis, so glatt, dass keine einzige Faser zu spüren ist. Alles, was krümelt, zum Beispiel Brot, oder fasert wie Fleisch, ist am Anfang tabu. Flüssigkeiten müssen angedickt werden, weil normales Wasser viel zu schnell fliesst. Bevor wir überhaupt anfangen, muss die Pflegeperson eine gründliche Mundpflege machen, denn wenn sich der Betroffene doch verschluckt, ist es ein riesiger Unterschied, ob saubere Creme oder bakterienverseuchter Speichel in die Lunge kommt.
Das Essen selbst wird dann zu einer Art Ritual, bei dem jede Kleinigkeit zählt. Der Betroffene muss kerzengerade sitzen, mindestens 90 Grad aufrecht, damit die Schwerkraft uns hilft. Wir servieren winzige Portionen, manchmal nur einen halben Teelöffel, und dann warten wir. Keine Ablenkung durch Fernseher, keine Hektik, keine Gespräche zwischendurch. Die volle Konzentration gehört dem Schlucken. Das fühlt sich für Sie als Angehörige vielleicht qualvoll langsam an, aber für den Körper ist jeder Schluck harte Arbeit. Und wenn der letzte Löffel geschafft ist, bleibt Ihr Angehöriger bitte noch mindestens eine halbe Stunde aufrecht sitzen, damit nichts wieder hochkommt.
Es ist ein langer Weg, oft ein Training über Wochen oder Monate, mit vielen kleinen Rückschlägen. Aber ich habe schon erlebt, wie Menschen durch diese ersten Löffel wieder Lebensmut gefunden haben. Das Essen verbindet sie mit der Familie, mit Erinnerungen, mit dem Gefühl von Normalität. Jeder sicher geschluckte Bissen ist ein Stück Freiheit zurück. Und wenn wir irgendwann an dem Punkt sind, wo die Kanüle vielleicht sogar entfernt werden kann, dann hat man zusammen etwas Grosses geschafft. Dann sitzt Ihr Angehöriger wieder am Tisch, nicht als Patient, sondern als Mensch, der geniessen kann.
Essen mit einer Schluckstörung – Fragen an den Experten
Wer nicht mehr schlucken kann, ist auf Breikost angewiesen. Aber vergeht uns da nicht der Appetit? Und was muss alles beachtet werden, um trotzalledem die Ernährung sicherzustellen? Was kann ich als Angehöriger tun?
Ronny Kunze ist Küchenchef in der Geriatrischen Klinik „Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER“ in Basel. Er hat eine ganz besondere Art, den Patienten die Freude am Essen zu bewahren und medizinische Aspekte scheinbar mühelos zu integrieren. Ich durfte ihn auf einer kulinarischen Reise unter besonderen Bedingungen begleiten. Den Reisebericht mit 13 Stationen können Sie immer dienstags lesen.
Weitere Informationen unter: https://www.linkedin.com/in/ronny-kunze/
