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11. Wie erklären wir es den Nachbarn?

Ein Beitrag von Ronny Kunze
Scham ist leider der grösste Feind der Lebensfreude, und ich erlebe so oft, dass sich Menschen oder Familien komplett isolieren, die Vorhänge zuziehen und Einladungen ausschlagen, nur um den fragenden Blicken oder dem Getuschel zu entgehen. Verstecken ist aber keine Lösung, denn Isolation macht krank, schneller als die Schluckstörung selbst.

Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass die Nachbarn oder Freunde meistens gar nicht bösartig sind, sondern schlichtweg unsicher. Sie haben Angst, etwas Falsches zu sagen, oder sie haben Angst, dass Ihr Angehöriger am Tisch erstickt und sie nicht wissen, was zu tun ist. Diese Unsicherheit führt zu Distanz. Deshalb muss die Strategie immer eine Flucht nach vorn sein. Gehen Sie offen damit um, aber nehmen Sie dem Ganzen das Drama. Ich rate ihnen zu einem ganz einfachen, fast technischen Vergleich: „Weisst du, Opa hat eine Muskelschwäche. Wenn er schlecht laufen würde, bräuchte er einen Rollstuhl. Er hat die Schwäche aber im Hals, deshalb braucht er das Essen eben weich. Sein Kopf ist da, nur der Hals macht nicht mehr mit.“ Wenn man es so nüchtern erklärt, verstehen es die Leute. Es ist ein mechanisches Problem, kein geistiger Verfall. Das nimmt sofort die Berührungsangst.

Wenn es um Einladungen geht, sei es das Grillfest in der Nachbarschaft oder Kaffee und Kuchen, dann nehmen Sie den Gastgebern die Last von den Schultern. Sagen Sie: „Wir kommen sehr gerne, und ihr müsst gar nichts extra kochen. Ich bringe sein Essen mit. (Und dann kommt mein kulinarischer Ehrgeiz ins Spiel) Bringen Sie dann dieses Essen nicht in einer Tupperdose mit, sondern richten Sie es auf einem schönen Teller an. Oder noch besser, bringen Sie etwas mit, das alle essen können, aber für Ihren Angehörigen perfekt passt. Eine fantastische, sämige Kürbissuppe mit Kernöl, eine Mousse au Chocolat oder ein feines Hummus. Wenn alle das Gleiche essen, ist die Krankheit plötzlich unsichtbar.

Und noch ein kleiner Tipp für die Getränke, denn das Andicken fällt am meisten auf. Nutzen Sie bunte, undurchsichtige Gläser oder Becher mit Deckel, die modern aussehen, wie diese Coffee-to-go-Becher oder schöne Keramik. Wenn man nicht sieht, dass die Flüssigkeit dick ist, fragt auch keiner. Sobald Sie das Thema mit einer gewissen Selbstverständlichkeit behandeln, nach dem Motto „Ja, das ist jetzt so, aber es schmeckt trotzdem“, werden Sie merken, wie sich die Nachbarn entspannen. Normalität entsteht dort, wo wir aufhören, ein Geheimnis daraus zu machen.

Essen mit einer Schluckstörung – Fragen an den Experten

Wer nicht mehr schlucken kann, ist auf Breikost angewiesen. Aber vergeht uns da nicht der Appetit? Und was muss alles beachtet werden, um trotzalledem die Ernährung sicherzustellen? Was kann ich als Angehöriger tun?

Ronny Kunze ist Küchenchef in der Geriatrischen Klinik „Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER“ in Basel. Er hat eine ganz besondere Art, den Patienten die Freude am Essen zu bewahren und medizinische Aspekte scheinbar mühelos zu integrieren. Ich durfte ihn auf einer kulinarischen Reise unter besonderen Bedingungen begleiten. Den Reisebericht mit 13 Stationen können Sie immer dienstags lesen.

Weitere Informationen unter: https://www.linkedin.com/in/ronny-kunze/