12. Mir selbst vergeht der Appetit. Soll ich heimlich normal essen?

Ein Beitrag von Ronny Kunze
Dieses Schuldgefühl kennen fast alle pflegenden Angehörigen. Man sitzt vor seinem knusprigen Schnitzel oder dem frischen Salat, und gegenüber sieht man den geliebten Menschen, der sich mit Brei abmüht. Sofort fühlt sich jeder Bissen an wie Verrat. Aber ich muss Ihnen hier ganz deutlich und fast ein bisschen streng sagen: Bitte hören Sie auf, sich zu verstecken, und bitte essen Sie normal.

Sie müssen das wie im Flugzeug sehen. Bei Druckabfall setzen Sie sich zuerst selbst die Sauerstoffmaske auf, bevor Sie anderen helfen. Pflege ist Schwerstarbeit, körperlich und emotional. Ihr Körper braucht Treibstoff, und Ihre Seele braucht den Genuss, das Kauen, den „Crunch“. Kauen baut Stress ab, das ist biologisch erwiesen. Wenn Sie nur noch heimlich im Stehen in der Küche essen oder aus Solidarität selbst nur noch Weiches zu sich nehmen, brennen Sie aus. Und ein ausgebrannter, hungriger Pfleger hilft am Ende niemandem. Ihr Angehöriger profitiert davon, wenn Sie bei Kräften und guter Laune sind.

Statt heimlich zu essen, plädiere ich für das, was ich kulinarische Solidarität nenne. Versuchen Sie, die Gerichte anzugleichen, ohne Ihre Konsistenz aufzugeben. Wenn es für Ihren Angehörigen püriertes Gulasch gibt, essen Sie auch Gulasch, nur eben mit Stücken. So riecht es im ganzen Raum gleich, die Farben auf dem Teller sind ähnlich, und Sie teilen das geschmackliche Erlebnis. Sie können darüber reden: „Mmmh, der Paprika ist heute gut, schmeckst du das auch?“ So wird das Trennende (die Konsistenz) unwichtiger, weil das Verbindende (der Geschmack und die Gesellschaft) im Vordergrund steht.

Natürlich gibt es Momente, wo ein bisschen Taktgefühl angebracht ist. Vielleicht müssen Sie nicht unbedingt in ein knackiges Baguette beißen oder Nüsse knacken, während er gerade frustriert versucht, einen Löffel Brei zu schlucken. Aber Essen ist ein soziales Ereignis. Wenn Sie sich mit Ihrem Teller ins Nebenzimmer verdrücken, signalisieren Sie ungewollt: „Dein Essen ist so schlimm, das kann man nicht ansehen“, oder Sie grenzen ihn aus der Tischgemeinschaft aus. Bleiben Sie sitzen. Geniessen Sie Ihr Essen. Oft erlebe ich sogar, dass der Anblick von jemandem, der mit Appetit isst, beim Gegenüber die Spiegelneuronen aktiviert und den eigenen Appetit anregt. Seien Sie ein Vorbild für Genuss, kein heimlicher Esser. Sie haben sich diesen Genuss verdient.

Essen mit einer Schluckstörung – Fragen an den Experten

Wer nicht mehr schlucken kann, ist auf Breikost angewiesen. Aber vergeht uns da nicht der Appetit? Und was muss alles beachtet werden, um trotzalledem die Ernährung sicherzustellen? Was kann ich als Angehöriger tun?

Ronny Kunze ist Küchenchef in der Geriatrischen Klinik „Universitäre Altersmedizin FELIX PLATTER“ in Basel. Er hat eine ganz besondere Art, den Patienten die Freude am Essen zu bewahren und medizinische Aspekte scheinbar mühelos zu integrieren. Ich durfte ihn auf einer kulinarischen Reise unter besonderen Bedingungen begleiten. Den Reisebericht mit 13 Stationen können Sie immer dienstags lesen.

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