Ein Beitrag von Anja Kälin

Am Küchentisch sitzen alle beisammen, Vater, Mutter, Kind. Ganz normal, doch es ist eine andere Normalität. Mama ist komisch geworden. Sie ist an Demenz erkrankt. Sie erkennt ihre Kinder nicht mehr, redet sie mit anderen Vornamen an. „Fräulein, wer sind Sie denn?“ Dabei war sie doch immer eine moderne Frau.

Wenn wir über Demenz sprechen, denken wir meist zuerst ältere Menschen, an die Erkrankten selbst, an ihre Partnerinnen und Partner oder an erwachsene Kinder, die sich um ihre Eltern kümmern. Weniger sichtbar sind diejenigen, die noch sehr jung sind, wenn Demenz Teil ihres Familienlebens wird. Es sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die vielleicht gerade ihr Abitur machen, eine Ausbildung beginnen, studieren oder überlegen auszuziehen oder für eine Zeit ins Ausland zu gehen.

Zwischen Aufbruch und Verantwortung – Wenn eine Demenzdiagnose mitten ins Erwachsenwerden fällt

In dieser Lebensphase ist typischerweise vieles auf Aufbruch ausgerichtet. Sich vom Elternhaus lösen, eigene tragfähige Beziehungen aufbauen, Pläne machen und herausfinden, wie das eigene Leben aussehen soll.  Und genau in diesen Lebensabschnitt kann die Demenzdiagnose eines Elternteils fallen. Wenn die eigene Mutter oder der eigene Vater früh (also vor dem 65. Lebensjahr) an Demenz erkrankt, verändert sich nicht nur deren Leben. Die Erkrankung wirkt in die ganze Familie hinein und betrifft damit auch das Leben der jungen Menschen. Das gilt ganz besonders, wenn die Kinder mit ihren Eltern noch unter einem Dach Wohnen oder in einem (finanziellen) Abhängigkeitsverhältnis zum Elternhaus stehen.

Vom Kind zum Krisenmanager

Junge Angehörige können im Umgang mit der Erkrankung ganz unterschiedliche Rollen übernehmen. Manche helfen ganz praktisch im Alltag mit Demenz, andere kümmern sich um jüngere Geschwister oder versuchen, den gesunden Elternteil zu entlasten. Wieder andere fangen emotionale Themen auf. Sie sind ständig in Rufbereitschaft,  versuchen Konflikte zu lösen oder einfach möglichst wenig zusätzliche Probleme zu verursachen. Nicht immer würden sie sich selbst als „pflegende Angehörige“ verstehen oder als „Young Carer“ bezeichnen. Im Gegenteil. Viele haben von diesen Begrifflichkeiten aus der Pflegeberatung noch nie etwas gehört. Und dennoch prägt die Erkrankung ihren Alltag.

Pflegeburnout mit 20

Junge Pflegende, stecken oft in dem Zwiespalt, den Eltern helfen zu wollen und gleichzeitig eigene Wünsche und Interessen zu verfolgen. Auch die eigenen Gefühle sind häufig ambivalent. Gefühle wie Angst, Wut oder Traurigkeit machen die Situation nicht leichter. Der Austausch mit anderen hilft.

  • Kann ich einen Menschen lieben und gleichzeitig wütend auf ihn sein?
  • Kann man helfen wollen und sich trotzdem danach sehnen, einfach einmal keine Verantwortung übernehmen zu müssen?
  • Darf ich mich auf den Auszug, das Studium oder eine Reise freuen?
  • Warum habe ich im nächsten Moment ein schlechtes Gewissen bekommen, weil ich die Familie zurücklasse?
  • Wie erkläre ich meinen Freunden, warum ich gerade nicht mit ins Kino oder zum Fußball kommen kann?
  • Wie erzähle ich, dass mein Vater sich zunehmend verändert?
  • Was darf ich erzählen?
  • Ich schäme mich manchmal für meine Mutter. darf ich das?

Demenz Buddies – ein Online-Angebot für junge Menschen

Manches lässt sich leichter mit Menschen teilen, die nicht erst verstehen müssen, warum diese Gefühle entstehen. Ein geschützter Raum für junge Angehörige, die in einer ähnlichen Situation stecken, ist wichtig.
Genau hier setzen die Demenz Buddies von Desideria Care e. V. an. Das bundesweite und kostenfreie Online-Angebot richtet sich an junge Menschen zwischen 16 und 25 Jahren, die in ihrem direkten familiären Umfeld von Demenz betroffen sind. In einer achtwöchigen begleiteten Online-Gruppe können sie andere junge Menschen kennenlernen, die in einer ähnlichen Situation leben. Sie können Erfahrungen austauschen, Fragen stellen und über Dinge sprechen, für die im normalen Alltag oft wenig Raum bleibt.

Dabei geht es nicht nur um die Demenz. Es geht auch um das eigene Leben, um Familie und Freundschaften, um Grenzen und Verantwortung, um Zukunftspläne, schwierige Gefühle und die Frage, wie es gelingen kann, für einen anderen Menschen da zu sein, ohne sich selbst aus dem Blick zu verlieren. Und vielleicht liegt gerade darin etwas besonders Wertvolles: einmal nicht erklären zu müssen, warum die eigene Situation kompliziert ist. Statt dessen einfach auf Menschen zu treffen, die sagen können: Ich kenne das.

Am 7. Oktober 2026 startet die nächste achtwöchige Online-Gruppe der Demenz Buddies. Die Teilnahme ist kostenfrei und von überall in Deutschland möglich.

Mehr Infos zum Angebot und Anmeldung über den Link: Die Demenz Buddies | Desideria

Mehr zur Lebenssituation von Young Dementia Carers erfahren Sie in unserem Podcast Leben.Lieben.Pflegen
Demenz – keine Frage des Alters: Jung und pflegend. Mit Anja Kälin und Lea-Sophie König – Leben. Lieben. Pflegen. Der Desideria Podcast zu Demenz und Familie. Diese Folge ist anlässlich des Weltalzheimertages 2026 zusammen mit einer Teilnehmerin der Demenz-Buddies aufgenommen worden. Gerne reinhören und weiterempfehlen.

Desideria Care e. V. wurde 2017 gegründet, mit dem Ziel, Angehörige von Menschen mit Demenz zu stärken und sichtbar zu machen. Das innovative Sozialunternehmen ist bundesweit tätig und begleitet Angehörige in allen Phasen der Erkrankung.

Weitere Informationen zu den Angeboten des Vereins Desideria Care e.V. finden Sie unter https://www.desideria.org/