Wohnliche Rückzugszone – fotografiert von Susanne Wagner

Ein Beitrag von Susanne Wagner

Ihre Mutter findet sich zu Hause plötzlich nicht mehr zurecht? Welche Tür führt zur Toilette? Wohin führt dieser Weg?
Demenz verändert nicht nur das Erinnern und Denken. Sie verändert auch die Art, wie Menschen ihre Umgebung wahrnehmen und sich darin orientieren.

Wie gezielte Anpassungen im Wohnumfeld Orientierung, Ruhe und Sicherheit unterstützen können

Eine vertraute Wohnung kann bei Demenz plötzlich schwierig werden.
Eine Tür wird nicht mehr eindeutig erkannt. Der Weg zur Toilette ist nicht mehr selbstverständlich. Ein dunkler Boden wirkt wie eine Stufe oder ein Loch. Zu viele Möbel, Muster, Gegenstände oder Geräusche können Unruhe auslösen. Der Raum kann dadurch zur Hürde werden.

Gezielte Anpassungen im Wohnumfeld können den Alltag zu Hause erleichtern sowie Orientierung und Sicherheit unterstützen. Wenn dies trotz Unterstützung nicht mehr ausreichend gelingt, kann irgendwann auch die Frage nach einem Umzug in eine Pflegeeinrichtung entstehen.
Ob ein Mensch zu Hause, in einer Wohngruppe oder in einer größeren Pflegeeinrichtung lebt: Die grundlegenden Bedürfnisse bleiben dieselben – Orientierung, Ruhe, Sicherheit und das Gefühl, an einem vertrauten Ort zu sein.

Orientierung: Räume müssen verständlich sein

Für Menschen mit Demenz wird es zunehmend schwieriger, Informationen zu filtern und räumliche Zusammenhänge zu erfassen. Deshalb hilft eine Umgebung, die möglichst eindeutig erkennbar ist.

Zu Hause können gezielte Anpassungen viel bewirken:

  • freie Sicht auf wichtige Türen
  • eine gut erkennbare Toilette
  • ausreichende Beleuchtung
  • klare Kontraste zwischen Wand, Boden und Möbeln

So wird leichter erkennbar, wohin ein Weg führt und welches Ziel dahinterliegt.
Es hilft, die eigene Wohnung einmal ganz bewusst aus einer anderen Perspektive zu durchqueren. Machen Sie das zu unterschiedlichen Tageszeiten und mit Blick auf Bodenbeläge, Schwellen, Schatten, Spiegelungen und mögliche Hindernisse.

In einer Pflegeeinrichtung wird daraus eine umfassendere planerische Aufgabe. Wegeführung, Farben, Licht, Möbel, Türen, Bilder sowie Beschilderung und Orientierungshilfen sollten zusammenwirken. Ein Schild allein kann eine unklare räumliche Situation selten lösen.

Dabei bleibt entscheidend: Jeder Mensch nimmt seine Umgebung anders wahr und reagiert individuell auf sie.

Die zentrale Frage lautet deshalb:
Kann ein Mensch den Raum möglichst intuitiv verstehen?

Ruhe: Weniger kann mehr Halt geben

Ein Raum kann Sicherheit vermitteln – oder ständig neue Reize erzeugen.

  • Geräusche
  • Spiegelungen
  • starke Muster
  • viele unterschiedliche Materialien
  • herumstehende Gegenstände
  • dauernde Bewegungen im Blickfeld

Das alles kann für Menschen mit Demenz belastend sein.
Im privaten Zuhause bedeutet das nicht, alles leerzuräumen. Im Gegenteil: Persönliche Möbel, Bilder und vertraute Gegenstände können wichtige biografische Anker sein.

Dabei ist jedoch wichtig:
Nicht jede Erinnerung, die ein Gegenstand auslöst, ist automatisch positiv.

Biografische Kenntnisse und die Beobachtung der jeweiligen Reaktion helfen deshalb bei der Auswahl. Vertraute Dinge bewusst auszuwählen und zu ordnen, kann dabei helfen, Vertrautheit zu erhalten und gleichzeitig Reizüberflutung zu vermeiden.

Auch in Pflegeeinrichtungen braucht Wohnlichkeit keine Fülle. Orientierung wird hier zur planerischen Aufgabe:

Raumstruktur, Licht, Farben, Materialien und Ausstattung sollten zusammenwirken

Gute Raumgestaltung schafft Bereiche, in denen Aktivität möglich ist, ebenso wie Orte für Rückzug und Erholung.
Materialien, Akustik, Licht und Möblierung tragen wesentlich dazu bei, ob ein Raum beruhigt oder zusätzlich fordert und verunsichert.

Sicherheit: Selbstständigkeit unterstützen

Sicherheit wird häufig mit Kontrolle verbunden. Gerade zu Hause kann die Sorge, dass eine Angehörige oder ein Angehöriger unbemerkt die Wohnung verlässt, den Alltag stark prägen.

Für Menschen mit Demenz bedeutet Sicherheit jedoch auch, sich möglichst selbstständig bewegen und entscheiden zu können.
Nicht immer gibt es dabei ein bestimmtes Ziel.

Häufig ist das Gehen selbst bereits das Bedürfnis.
Dieses Bedürfnis nach Bewegung sollte möglichst sicher möglich bleiben. Ein gut gestalteter Raum kann dabei unterstützen.

Zu Hause kann das bedeuten:

  • Stolperstellen zu reduzieren
  • Laufwege freizuhalten
  • wichtige Bereiche gut auszuleuchten
  • alltägliche Dinge dort sichtbar zu machen, wo sie gebraucht werden.

Hier lohnt sich ein bewusster Blick auf die eigene Wohnung:

  • Ist der Weg zum Bad auch am Abend gut zu erkennen?
  • Gibt es Schatten oder Spiegelungen, die irritieren könnten?
  • Sind häufig benötigte Dinge sichtbar und erreichbar?

Solche Anpassungen können Unsicherheit und Stress sowohl für Menschen mit Demenz als auch für Angehörige reduzieren.

In einer Pflegeeinrichtung geht die Aufgabe weiter. Dort sollten Architektur und Innenarchitektur Bewegungsabläufe unterstützen, Sackgassen vermeiden, Übergänge verständlich gestalten und gleichzeitig Schutz bieten.

Das Ziel ist nicht, jede Unsicherheit auszuschließen. Gute Gestaltung schafft vielmehr einen Rahmen, in dem Menschen möglichst viel Eigenständigkeit behalten können.

Die Bedürfnisse bleiben – der Maßstab verändert sich

Was im privaten Haushalt mit gezielten Anpassungen beginnen kann, muss in einer Pflegeeinrichtung bereits bei Architektur, Innenarchitektur und Ausstattung mitgedacht werden.
Die dahinterliegende Frage bleibt dieselbe:

Was braucht dieser Mensch, damit er sich in seiner Umgebung möglichst sicher, ruhig und orientiert fühlen kann?

Demenzsensible Gestaltung beginnt deshalb nicht erst mit dem Umzug in eine Pflegeeinrichtung. Sie beginnt dort, wo wir den Lebensraum aus der Wahrnehmung der betroffenen Menschen betrachten.

Räume können eine Demenz nicht heilen, aber sie können den Alltag erleichtern und Belastungen reduzieren. Sie können dazu beitragen, dass Vertrautheit, Selbstständigkeit und ein Gefühl von Zuhause möglichst lange erhalten bleiben.

Über die Autorin

Susanne Wagner ist Dipl.-Ing. Innenarchitektin und Expertin für demenzsensible und heilende Innenarchitektur im Gesundheitswesen.
Seit über 30 Jahren beschäftigt sie sich mit der Frage, wie Räume Menschen Orientierung, Sicherheit und ein Gefühl von Zuhause geben können.

Mit SenHaus – Heilende Innenarchitektur im Gesundheitswesen begleitet sie Träger und Einrichtungen bei der Entwicklung und Gestaltung zukunftsfähiger Lebens- und Gesundheitsräume.
Ihr Blick auf demenzsensibles Wohnen reicht von Pflegeeinrichtungen bis in das private Zuhause.
Ihr Wissen vermittelt Susanne Wagner darüber hinaus regelmäßig auf ihrer Fachplattform und in Masterclasses.

Mehr über ihre Arbeit:
www.senhaus.com

Wissen & Masterclasses zu demenzsensiblem Wohnen:
www.demenz-wohn-expert.com

Aktuell:
Am 25. September 2026 findet die nächste Masterclass statt:
„Wie es Ihnen ganz leicht gelingt, über 5 überraschend praxisnahe Einrichtungsprinzipien Menschen mit Demenz innere Ruhe und Orientierung zu geben.“